Ziriah Voigt: Frauen feiern Jahreskreisrituale
(aus: Schlangenbrut Nr. 81/Mai 2003)
Schlangenbrut-Redaktion: Wenn Frauen sich zusammen tun, um Rituale und Jahreskreisfeste zu feiern, steht zunächst die Suche nach neuen Formen spirituellen Erlebens und die Sehnsucht nach Feierformen jenseits patriarchaler Normen im Mittelpunkt. Themen wie Leitung und Regeln stehen im Verdacht, schnell wieder einzuengen. Ziriah Voigt macht in ihrem Artikel deutlich, dass das Gegenteil der Fall ist. Wenn die Frage nach Leitung nicht tabuisiert wird und sich die Gruppe auf bestimmte Regeln verständigt, dann kann sich die Aufmerksamkeit der teilnehmenden Frauen ganz auf das spirituelle Geschehen konzentrieren.
Erste Ritualerfahrungen: allein...
Meine ersten Rituale habe ich allein gefeiert. Jahreskreisfeste waren damals (Anfang der 80er Jahre) noch so gut wie unbekannt; so war ich ganz auf meine inneren Bilder und Phantasien angewiesen, etwas für mich Stimmiges zu entwickeln. Unbelastet von Ritualtheorien und heutigen Ansprüchen folgte ich allein meiner religiösen Intuition und meinem Glauben, dass auch in heutiger Zeit Rituale möglich sein müssten.
Nach einigen Monaten stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass ich immer dieselbe Grundform benutzte und dass ich das Gefühl hatte, gerade deshalb von Mal zu Mal in einen intensiveren Bewusstseinszustand zu gelangen. Die vertraute Form gab mir Sicherheit, da sonst niemand da war, die mich in dieser schillernden Welt leitete. Später lernte ich Frauen kennen, die auch Jahreskreisrituale feiern wollten (unter anderem die Schlangenbrut-Gründerin Marga Monheim-Geffert) und wir gründeten eine private Gruppe.
...und in der Gruppe
Niemand von uns hatte Erfahrung mit Jahreskreisritualen bis auf punktuelle Erlebnisse. Wir mussten eine Form entwickeln, ohne allzu viel Aufwand zu einem gemeinsamen Ritual zu finden. Erst jetzt wurde mir klar, was es heißt, ein Gruppenritual zu feiern – die einzelnen, meist nur vage formulierbaren religiösen Vorstellungen mussten in eine für alle akzeptable rituelle Handlung eingebunden werden. Aber in mir wehrte sich so einiges dagegen, meine sich gerade erst zart entwickelnde religiöse Symbolsprache einer Gruppendiskussion preiszugeben. Ich wollte in diesem intimen Terrain nicht verletzt werden. Vielleicht ging es auch anderen so, die meisten hielten sich zurück.
Immerhin entstand gleich zu Beginn ein schönes Modell für eine wechselnde Leitung, das ich heute noch Ritualgruppen empfehle. Für das Ritualessen wurde immer ein Kuchen mit drei Bohnen gebacken und exakt so geteilt, dass jede Frau ein Stück bekam. Dieser Kuchen galt als Orakelkuchen. Wer ein Stück mit einer Bohne bekam, hatte die Aufgabe, das nächste Ritual vorzubereiten. So gab es zum Ende jeden Rituals immer ein Dreierteam, das die Vorbereitung und Leitung des nächsten Jahreskreisfestes in die Hand nahm. Dies führte zu sehr unterschiedlichen Ideen und Stilen im Verlauf eines Jahreskreises. Manches mochte ich, einiges störte mich und manchmal vermisste ich die Intensität und Stimmigkeit meiner Privatrituale. Ab und zu feierte ich wieder allein, um das Klingen meiner persönlichen Symbolsprache im Ritual zu fühlen. Ja, wenn jedes metaphorische Detail exakt stimmen sollte, musste ich alleine feiern. Doch hatte ich im Miteinander des Ritualkreises längst die spirituelle Kraft der Gruppe schätzen gelernt, um im rituellen Solo noch Zufriedenheit finden zu können.
Klar verteilte Rollen
Ich entschied mich, ein neues Modell zu erproben, eine klare kontinuierliche Leitung ähnlich einer Seminarführung. Ich hatte zwar Bedenken, ob dies nicht zu einer unguten Hierarchie ähnlich den patriarchal-kirchlichen Strukturen führen würde, gleichzeitig aber erhoffte ich mir mehr spirituelle Intensität und das war einfach mein treibender Wunsch. So sagte ich zu, als das Frauenbildungshaus Zülpich mich 1987 fragte, ob ich nicht bei ihnen eine Jahreskreisgruppe anbieten könne. Wieder standen wir alle vor einer Situation, zu der es kaum Vorbilder gab – aber zum ersten Mal mit klar verteilten Rollen. Beide Seiten mussten lernen, sich in dieser Situation stimmig und stark zu bewegen. Für mich war es ein Lernprozess über viele Jahre. Anfangs stellte ich das Modell einer bezahlten Leitung bei jeder auftauchenden Schwierigkeit immer wieder in Frage. Später konnte ich zwischen üblichen Gruppenkonflikten und konkreten spirituellen Problemen, die zu lösen waren, unterscheiden. Entlastend und bestärkend auf diesem Weg war aber auch die deutliche Rückmeldung der Ritualteilnehmerinnen, dass sie die Aufgabe einer Ritualleitung inklusive einer durchdachten Vor- und Nachbereitung gerne an eine professionelle Frau abgeben würden und es auch in Ordnung fänden, dafür zu bezahlen.
Allmählich gewöhnte ich mich an meinen Beruf und feilte mehr an den Feinheiten. Hatte ich zuerst den Seminarrahmen nur als Notlösung begriffen, schätze ich ihn heute sehr als Basis für Frauenrituale. Er hat eine klar umrissene Struktur mit einer durch die Anmeldung frei gewählten Leitung. Der Hintergrund eines (Frauen-)Bildungshauses schützt vor der dogmatischen Enge und den verdeckten Hierarchiestrukturen, die häufig in religiösen Gemeinschaften entstehen. Darum gestalte ich mittlerweile meine Ritualarbeit bewusst in der äußeren Form eines Seminars, auch wegen der damit verbundenen Möglichkeit eines mehrtägigen Zusammenseins.
Sich einer leitenden Führung überlassen
Ich schildere diesen, meinen persönlichen Weg mit der Ritualarbeit hier deshalb, weil er viele Fragen und mögliche Antworten enthält, die für Ritualgruppen wichtig sind. Viele private Ritualgruppen fallen nach wenigen Ritualen schleichend oder konfliktreich auseinander, weil zentrale Aspekte nicht ausreichend besprochen wurden. Dazu gehört vorrangig die Frage der Leitung bzw. Nicht-Leitung. Leitung heißt nicht unbedingt, dass eine professionelle, bezahlte Frau die Ritualgestaltung übernimmt. Leitung heißt zunächst nur, dass das Ritual im Prozess nicht immer wieder neu den spontanen und meist sehr divergierenden persönlichen Einfällen preisgegeben wird, sondern sich die Gruppe für die Phase des Rituals einer leitenden Führung überlässt. Diese kann aus einer oder mehreren Frauen bestehen; die Leitung kann für ein Jahr gelten oder immer wieder wechseln, wie das Beispiel mit dem Bohnenkuchen deutlich machen sollte.
In den Anfängen der Frauengruppen war die Vorstellung einer Leitung, gerade im spirituellen Bereich, tabu. So habe ich selbst als rituelle Seminarleiterin in den ersten Jahren immer zu jedem Ritual zunächst die Einfälle aller Frauen gesammelt. In einer zweiten Phase setzten wir diese – meist ebenfalls in einem gemeinsamen Diskussionsprozess – zu einem möglichst stimmig aufgebauten Ritual zusammen.
Viele privat organisierte Frauengruppen arbeiten heute in ähnlicher Weise. Abgesehen von den immer vorhandenen Machtstrukturen im persönlichen Miteinander bietet dieses Vorgehen ein weitgehend hierarchiefreies Modell und die Rücksichtnahme auf die persönlichen Vorschläge jeder Frau. Jede kann die ihr wichtigen Details in die Ritualhandlung einfließen lassen. So erscheint dieser Weg vielen Gruppen zunächst als die beste Lösung.
In der Praxis hat er sich allerdings als nicht unbedingt einfach erwiesen. Die Gespräche und die jeweils notwendige Einigung sind oft mühsam. Manchmal passen die rituellen Ideen nicht recht zusammen. Will frau alles Geäußerte berücksichtigen, wird das Jahreskreisfest manchmal zum spirituellen Potpourri, dem der eigentliche Fokus verloren gegangen ist. Die Frage, wer das Ganze eigentlich zusammenhalten soll, stellt sich – vor allem für das Ritual selbst – erneut. Streitigkeiten, von denen Jahreskreisgruppen immer wieder berichten, entstehen oft an dieser Stelle. So ist der Weg einer – eventuell wechselnden – Leitung oft leichter. Auch ist es in der Regel in der Vorbereitung die weniger zeitaufwendige Lösung. Welcher Aspekt für jede Gruppe der wichtigere ist, muss gut besprochen werden. Im Sinne des Jahreskreises sollte der gewählte Weg ein Jahr lang erprobt und nicht immer wieder neu zur Diskussion gestellt werden.
Regeln sind wichtig
Darin steckt der nächste Aspekt, zu dem sich eine Gruppe einig werden muss: Welche Regeln geben wir uns selbst? Eingezwängt in patriarchale Normen und berufliche oder familiäre Pflichten scheuen die meisten davor zurück, sich im Rahmen einer Ritualgruppe schon wieder Verbindlichkeiten aufzuerlegen. Trotz allem können einige regelnde Vereinbarungen sinnvoll sein, z.B.
- Wie oft darf eine Frau in einem Jahreskreis fehlen?
- Ist die Gruppe für einen bestimmten Zeitraum geschlossen oder darf ich eine Freundin mitbringen?
- Wie verbindlich sind die vorher verabredeten Einzelheiten des Rituals oder auch die vereinbarte Leitung? Sind spontane Einfälle erwünscht oder störend?
Kommunikation auf das spirituelle Geschehen konzentrieren
In ein Ritual gehören keine Debatten, wie wir es von anderen Zusammenkünften gewohnt sind. Die Kommunikation ist auf das spirituelle Geschehen konzentriert, um eine Wahrnehmung auch im feinstofflichen Feld zu ermöglichen. So ist es wichtig, alle zentralen Fragen vorher zu klären. Spontane Einfälle sind manchmal im Ritual witzig oder kreativ erweiternd. Nicht selten aber habe ich auch von schwierigen Situationen gehört, in denen solche rituellen Ideen von anderen als störend oder gar übergreifend erlebt wurden. Beobachtet habe ich dies insbesondere bei Segenshandlungen sowie bei spontanen magischen Beeinflussungen jeder Art. Beides greift sehr intim in die religiöse Seelenwelt jeder Frau ein. Dies gilt interessanterweise nicht nur für die Magie, sondern ebenso auch für den Segen. Beides setzt die Lenkung transpersonaler Kräfte voraus und braucht innerhalb der Gruppe eine Einigkeit in der religiösen Vorstellung. Was für die eine beglückend ist, kann für die andere verletzend sein. So ist es wichtig, gerade in den Details behutsam zu agieren und nicht vorschnell das eigene religiöse Gefühl als allgemeingültig für alle anzunehmen.
Gestaltung eines Jahreskreisfestes
Neben diesen grundsätzlichen Fragen, die eine Ritualgruppe zu Beginn (und immer mal wieder) überlegen muss, steht die Gestaltung des Jahreskreisfestes selbst. Wenn ich Frauen aus privat organisierten Gruppen frage, wie sie diese Aufgabe angehen, so höre ich oft: Wir schauen nach, welche Farben und Symbole zu dem Fest gehören, suchen die passenden Tänze heraus und natürlich bereiten wir ein üppiges, farblich ausgerichtetes Ritualessen.
Ich möchte einen anderen Weg vorschlagen.
